Getragen vom Aufwind und die Perspektive aus dem All.
Getragen vom Aufwind
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| Aussichtspunkt in Ronda in Spanien, wo die Adler vorbeifliegen. |
Und dann sah ich sie: Adler. Große, mächtige Vögel mit weit
ausgebreiteten Flügeln. Sie glitten durch die Luft, ganz ruhig, fast
schwerelos. Die Gegend rund um die Straße von Gibraltar ist einer der
wichtigsten Vogelzugkorridore Europas. Millionen von Vögeln überqueren hier die
Meerenge, darunter Schlangenadler und Gänsegeier mit einer Flügelspannweite von
über zwei Metern. Sie kreisen über den Klippen, getragen von der warmen Luft,
die vom Meer aufsteigt.
Das Erstaunliche an diesem Moment war: Wir standen so hoch,
dass wir auf diese Vögel hinuntersehen konnten. Normalerweise schauen wir zu
ihnen hinauf, aber dort oben war es umgekehrt. Wir konnten genau beobachten,
wie sie flogen: Sie schlugen kaum mit den Flügeln. Stattdessen ließen sie sich
tragen. Sie vertrauten auf die Thermik, den Aufwind, der vom Meer heraufstieg.
Ein kleiner Windstoß – und schon stiegen sie höher. Ich konnte mich kaum
sattsehen an dieser Leichtigkeit.
„Hebt eure Augen in die Höhe“ – Jesaja
Dieses Bild hat sich beim mir eingebrannt und begleitet mich
bis heute. Und immer, wenn ich die Worte des Propheten Jesaja (Jesaja 40, 26-31) lese, muss ich an
diesen Moment denken:
Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Heute ist der Sonntag Quasimodogeniti – das heisst auf
Lateinisch: „wie die neugeborenen Kinder“. Es ist der erste Sonntag nach
Ostern. Das große Fest liegt hinter uns, und der Alltag beginnt wieder. Und das
kann manchmal mühsam werden, wenn nach den Feierlichkeiten, Urlaub und Ferien
die Termine und die Schule wieder losgehen.
Zwischen Zweifel und Erschöpfung - Thomas
Vielleicht geht es Ihnen heute auch eher wie den Menschen,
an die Jesaja damals schrieb. Das Volk Israel war im Exil, fern der Heimat,
erschöpft und entmutigt. Sie sagten: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und
mein Recht geht an meinem Gott vorüber“. Sie fühlten sich vergessen.
Ich kann das gut nachvollziehen. Manchmal bin ich innerlich
müde. Müde von den vielen Anforderungen des Alltags, von Veränderungen, die
Kraft kosten – sei es in der Gesellschaft oder auch in unserer Kirche. Wenn wir
auf die Welt schauen, auf die endlosen Konflikte und Krisen, kann man ebenfalls
müde werden. Und es hört gar nicht auf und täglich kommen neue, erschreckende
Nachrichten.
Und dann ist da noch das ganz persönliche Leben: Sorgen in
der Familie, seelische Erschöpfung oder Krankheiten, die uns körperlich
zermürben und manchmal an unsere Grenzen bringen. All das kann uns matt und
glaubensmüde machen.
Und genau in diese Müdigkeit hineinspricht nicht nur Jesaja,
sondern auch das Evangelium, das wir vorhin gehört haben: die Geschichte vom
ungläubigen Thomas.
Thomas war nicht dabei, als die anderen Jünger den
Auferstandenen sahen. Er zweifelte – wer will ihm das auch verdenken, dass er
nicht nur hören, sondern sehen und berühren wollte. Dass er sich fragte „Sieht
Gott mich überhaupt? Hat meine Hoffnung eine Basis?“
Perspektivwechsel im All
„Ich weiß nicht, wer von Ihnen in den letzten Tagen die
Mission Artemis II verfolgt und die Bilder von der Erde gesehen hat, aus der
Weite des Alls. Und vielleicht auch die Osterbotschaft eines Astronauten gehört
hat. Er sagte sinngemäß: Wir leben auf einem Raumschiff namens Erde. Ein Ort im
weiten dunklen Nichts, den wir alle miteinander teilen. Und wenn man ihn von
außen sieht, wird einem bewusst, wie wunderschön und wie verletzlich sie ist.
Er sagt: Dafür gibt es keine Worte. Und er sagte – und das bestätigen seine
Kollegen – wenn man diese Perspektive einnimmt, erscheint alles so belanglos
und sinnlos. All die Kriege und Hass.
Und dann höre ich die Worte des Propheten Buch Jesaja: ‚Hebt eure Augen auf in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Jesaja sagt nicht: Analysiert eure Probleme noch tiefer. Er sagt nicht: Kreist noch mehr um euch selbst. Sondern: Hebt den Blick. Schaut weg von eurer eigenen Begrenztheit – und hin zu dem, der alles geschaffen hat.
Vielleicht ist es genau das, was die Astronauten tun: Sie schauen – und sie staunen. Und sie erinnern uns damit an Gott, der die Sterne geschaffen hat und sie alle mit Namen ruft. Der uns diese Erde anvertraut hat – nicht, damit wir gegeneinander leben, sondern miteinander.
Und dieser Gott bleibt nicht auf Distanz. Er behält seine Kraft nicht für sich. Er gibt dem Müden Kraft. Und Stärke genug dem Unvermögenden.“ Also nicht denen, die ohnehin alles im Griff haben, sondern denen, die am Ende ihrer Weisheit – oder am Ende ihrer körperlichen Reserven – sind.
Vertrauen und wie Adler im Aufwind leben
Und jetzt zurück zu den Adlern von Gibraltar. Jesaja sagt: „Die
auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie
Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde
werden“.
Aber wie geht es, wenn man wirklich nicht mehr kann? Der Adler bleibt nicht einfach im Nest sitzen, er strampelt auch nicht mühsam in der Luft herum. Er breitet seine Flügel aus und überlässt sich der Tiefe. Er vertraut darauf, dass die Luft ihn trägt. Für manche Menschen ist dieses Ausbreiten der Flügel ein gewaltiger, aktiver Schritt. Für andere jedoch, denen die Kraft völlig fehlt, bedeutet es vielleicht einfach nur: im Innersten loslassen, aufhören zu kämpfen und sich ganz in Gottes Arme, in seinen Aufwind, fallen zu lassen. Glauben bedeutet nicht, dass wir alles aus eigener Kraft schaffen müssen. Es bedeutet darauf zu vertrauen, dass es diesen Aufwind gibt: Gottes Geist, Gottes Hoffnung, Gottes Kraft. Manchmal reicht ein kleiner Windstoß, ein ermutigendes Wort oder ein Moment der Stille, um wieder an Höhe zu gewinnen. Der ungläubige Thomas durfte diesen Aufwind erleben, als Jesus ihm eine Woche später erschien und ihn einlud, seine Wunden zu berühren. In diesem Moment wurde aus seinem Zweifel eine „lebendige Hoffnung“.
Das ist die Botschaft von Ostern: Gottes Zukunft ist größer als unsere Sorgen. Was nicht bedeutet, dass dann alles gut und wir keine Probleme, Sorgen haben. Auch Adler erleben Gegenwind und verlieren manchmal an Höhe. Aber sie spüren intuitiv: Der Aufwind ist stärker. Und sie vertrauen darauf.
Wenn wir also „auf den Herrn harren“, dann ist das wie das Ausbreiten der Flügel. Es ist die Bereitschaft, sich von Gottes Kraft tragen zu lassen. Und ja, wir stehen oft an Übergängen – in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Kirche. Wir müssen Wege finden und Entscheidungen treffen, deren Folgen nicht absehbar sind. Das kostet Kraft, ja. Aber es ist auch die Chance, den „frischen Wind“ Gottes in vertraute Räume zu lassen.
Vielleicht spüren Sie diesen Aufwind heute schon ein wenig: Wenn wir einander Mut machen, oder während wir das „Halleluja“ sangen, das nach der Passionszeit wieder erklingt, oder wenn wir einfach merken – auch hier heute -, dass wir nicht allein sind. Gott möchte uns diese Adler-Perspektive schenken. Er möchte, dass wir die Augen heben. Dass wir nicht bei unserer Müdigkeit stehen bleiben, sondern darauf vertrauen, dass er uns die Kraft gibt, zu laufen und nicht matt zu werden – oder sich einfach von ihm im Herzen tragen zu lassen, wenn der Körper nicht mehr kann.
Gehen Sie in diesen Alltag, der morgen wieder beginnt.
Breiten Sie Ihre Flügel aus. Vertrauen Sie dem Aufwind Gottes. Hebt eure Augen.
Schaut zum Himmel. Und dann: Fliegt.

Danke für diese Worte, Magdalena. Auch und besonders in diesen Zeiten brauchen wir manchmal Flügel, um körperlich oder wenigstens im Geiste dem Himmel ein Stück näher zu kommen.
AntwortenLöschenSabine K.