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Von der Kraft des Gebets

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  Meine Eltern haben für mich gebetet. Immer. Nicht nur, weil sie so fromm waren, sondern weil sie an die Kraft des Gebets glaubten. Und manchmal, wenn sie hilflos waren, blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu beten. Das sagte mein Papa immer wieder. Ich glaube, dass mich ihre Gebete durch verschiedene schwere Zeiten und komplizierte Stationen meines Lebens durchgetragen haben. Das wusste ich damals noch nicht, aber heute bin ich immer mehr davon überzeugt. Es gab bei uns in der Familie kein Abschied ohne ein Gebet. Morgens vor der Schule, im Auto vor dem Losfahren, am Ende eines Besuchs. Es hat oft genervt, gleichzeitig tat es gut. Im Laufe der Jahre wurde es zu einem festen Ritual, so dass ich einmal, als mein Vater schon sehr gebrechlich und bei meinem Besuch weggenickt war, ohne ein Gebet gefahren bin. Von der nächsten Raststätte rief ich ihn an und bat ihn, mit mir zu beten. Das tat er und das konnte er einwandfrei bis zu seinem Tod. Die Kraft der Fürbitte und des Gebets und

Der ÖKT und der Kreis der Erwählten

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Ich war beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt – digital. Von zu Hause aus. Ich war gespannt, wie es nach den langen Monaten der Diskussion, ob und wie der Kirchentag stattfindet, dann tatsächlich wird. Für mich ganz praktisch, weil ich zwischendurch arbeiten musste. An Christi Himmelfahrt schaute ich den Eröffnungsgottesdienst im Fernsehen an. Fröhliche Moderation, großartiges Setting, einfache Sprache, berührende Predigt, ökumenische Vielfalt, etwas Weihrauch und ein sensationelles Wetter (ok, dafür können die Veranstalter:innen nichts). Und ich dachte, wow – erster digitaler Kirchentag und es fängt gut an.  Doch die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: was man alles hätte aus dem Gottesdienst machen können, was für Chancen die Veranstalter:innen nicht genutzt haben, falsche Kameraführung, zu wenig Aktion und überhaupt… Am Samstag war ich bei Christina Brudereck's Bibelarbeit dabei. Gefunden auf Instagram. Ich war so sehr dabei, wie ich noch nie bei einem Kirchentag dab

Ich will keine Schokolade - Muttertag

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"Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann..", so sang Trude Herr Anfang der 60er. Naja, ich will zwar keinen Mann, aber Schokolade will ich auch nicht und schon gar nicht zum Muttertag. Die Werbung, die gerade überall dazu auffordert zum Muttertag Pralinen und Blumen zu schenken, geht mir gehörig auf die Nerven. Nein, ich will keine Blumen, keine Schokolade zum Muttertag. Überhaupt, ich mag den Muttertag nicht. Er ist bei mir negativ konotiert. Als Kind im Sozialismus musste ich komische Gedichte auswendig lernen, um sie meiner Mutter vorzutragen. Als Mutter bekam ich später selbstgebastelte Geschenke, die ich irgendwann heimlich wieder entsorgte. Genau vor 13 Jahren am Muttertag vergaß ich die Aufführung meiner damals dreijährigen Tochter. Die Erzieherin rief mich an und ich sprintete in den Kindergarten. Dort erwartete mich ein trauriger, enttäuschter Blick meiner Jüngsten. Ihr Gedicht hatte sie schon längst aufgesagt. Nie werde ich diese Augen vergessen (sorry

Der Tod hat nicht das letzte Wort

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  Vielleicht hat es mit meiner Birkenpollenallergie zu tun – ich wohne zwischen drei großen Birken – aber in diesen Tagen ist mir nach Weinen zumute. Die Tränen fließen und ich bin dünnhäutig. Karfreitag trifft mich jedes Jahr sehr hart. Dieses Jahr ganz besonders, weil er nicht nur einen Tag dauert, sondern schon ein ganzes Jahr.  Ich bin eigentlich eine Grundoptimistin. Ich sehe immer das Positive, immer leuchtet am Ende des Tunnels ein Licht, immer habe ich die Hoffnung, alles wird gut. Dieses Jahr kippt es. Weil ich plötzlich nicht mehr weiß, was es bedeutet: „Der Tod hat nicht das letzte Wort“. 50 Jahre war ich unerschütterlich davon überzeugt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Als alle meine Großeltern vor vielen Jahren innerhalb von 3 Monaten starben, hörte ich als 16-jährige die Worte meines Vaters: „Der Tod hat nicht das letzte Wort“. Und ich glaubte es ihm. Als meine Schwester vor 7 Jahren viel zu früh starb, sagte mein Vater: „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ und ich

Digitale Gemeinschaft

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In letzter Zeit besuche ich sonntags ZOOM Gottesdienste bei Vanessa. Ich weiß immer noch nicht, wo Vanessa genau wohnt, aber sie macht berührende Gottesdienste. Wir kennen uns von einer Fortbildung und über Facebook. Ich bin gerne dabei. Sie predigt gut, hat wunderbare Musik am Start und es sind regelmäßig etwa 70 Menschen dabei. Ich schaue mir die kleinen Kacheln gerne an. Da sind junge und alte, auch richtig alte Menschen dabei. Auch kleine Kinder, Hunde und Katzen. Sie sitzen auf Stühlen und Sofas. Vanessa begrüßt beim Eintreten des digitalen Raums jeden und jede persönlich. Wir können  mitmachen und mitbeten. Ich fühle mich da wohl, obwohl ich niemanden kenne. Heute, am Sonntag Okuli war ich das erste mal in meiner neuen Gemeinde. Also in der Gemeinde, in der ich seit Kurzem wohne. Ich war ganz analog da. Letzte Woche bekam ich einen Willkommensbrief für Neuzugezogene mit ein paar persönlichen Worten der Pfarrerin. Und ich muss sagen, ich habe mich richtig gefreut. „Ok, da gehöre

Nach Corona um halb sechs

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„Nach dem Krieg um halb sechs“ – so verabredet sich der brave Soldat Schwejk ( Švejk ) im gleichnamigen  Buch des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Hašek mit seinen Freunden. Wann der Krieg vorbei sein wird, ist für Schwejk noch nicht absehbar. Doch aus diesem Satz ist Zuversicht zu spüren – auch dieser Albtraum wird eines Tages vorbei und eine Verabredung auf ein Bier im Gasthaus Kelch in Prag wieder möglich sein. »Was ist das, wonach ihr euch am meisten sehnt? Was wollt ihr als erstes tun, wenn alles wieder  möglich ist?« Das habe ich verschiedene Menschen in den sozialen Medien, aber auch persönlich gefragt. Die Antworten waren so vielfältig, wie die Menschen selbst:  Essen gehen, Musik machen, ins Theater gehen, im Biergarten sitzen und reisen, ein großes Fest mit vielen Freunden feiern, meine Patenkinder in Afrika besuchen. »Ens Kino hocka, Schwemma ganga, Häarla schneida lassa, ... ond wenn älle sicher send, täglich dr Sarah a Kussele geba!« Und: »Ich freue mich, wenn ich en

Für immer die große Schwester

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Sechs Jahre trennten uns seit der Geburt, sieben Jahre trennen uns seit dem Tod. Meine ältere Schwester hätte heute ihren 56. Geburtstag. Und ich denke immer noch mit einem stechenden Schmerz an die Todesanzeige, in der meine jüngere Schwester und ich erst ganz zum Schluss vorkamen. So nebenbei. Ich fühlte mich mit meiner Trauer nicht wahr- und ernstgenommen. Dabei tat es so unendlich weh.  Wir kannten uns mein Leben lang. Wir waren uns vertraut, wussten fast alles von- und übereinander. Das erste Bier, die erste Zigarette, die erste Liebe. Sie hat mich geprägt. Ich habe sie bewundert, manchmal nicht verstanden. Wir waren Verbündete und Konkurrentinnen zugleich. Sie war der empathischste Mensch, den ich kannte. Großartige Patin meiner Tochter. Sie konnte am besten Wunden versorgen und Pflaster kleben, Gutenachtgeschichten erzählen und Picknickkörbe packen, Pilze suchen und Experimente beim Kochen machen. Sie ging nachts ans Telefon und mischte Aromaöle gegen Kopfschmerzen. Unter dem kl