„Gott ist immer schon da!“ Eine Studienreise nach Prag

Was bedeutet es, Kirche zu sein, wenn sie gesellschaftlich kaum noch wahrgenommen wird? Wenn Religion im Alltag der allermeisten Menschen keine Rolle mehr spielt und die Gemeinden so klein sind, dass sie in der Statistik fast verschwinden? Mit diesen Fragen im Gepäck reisten im März 2026 insgesamt 19 Theologie- und Religionspädagogikstudierende aus Deutschland nach Prag. Die Studienreise des Gustav-Adolf-Werks (GAW) führte uns zur Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) – einer Kirche, die seit Jahrhunderten in der Diaspora und heute in einem der säkularsten Länder Europas lebt.

Für mich persönlich war diese Reise weit mehr als eine organisatorische Begleitung; es war ein „Back to the Roots“. Ich selbst habe an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karls-Universität in Prag studiert. Viele der besuchten Orte sind mir vertraut, und doch bot der Blick durch die Augen der jungen Studierenden eine völlig neue Perspektive auf das, was wir von unseren tschechischen Geschwistern lernen können.

„Alles hier ist Diaspora“

Schon beim ersten Besuch der Fakultät wurde die Dimension der tschechischen Diaspora greifbar. Jährlich beginnen dort nur etwa fünfzehn junge Menschen ein Theologiestudium; insgesamt zählt die Fakultät kaum mehr als hundert Studierende. „Alles hier ist Diaspora“, konstatierte Professor Petr Gallus mit trockenem Humor. In Tschechien ist Religion für viele Menschen so fern, dass sie nicht einmal wissen, dass ihnen etwas fehlen könnte. Christliche Feiertage sind weitgehend säkularisiert, Religionsunterricht ist eine Seltenheit.

Die Studierenden entdeckten eine Kirche, die trotz ihrer geringen Größe – die EKBB zählt etwa 50.000 Glieder in 234 Gemeinden – eine bemerkenswerte Hoffnung ausstrahlt. Hier ist Kirchesein keine Selbstverständlichkeit oder Tradition, sondern eine bewusste Entscheidung.

Generationenübergreifende Erfahrungen

Die Geschichte der böhmischen Reformation, von Jan Hus bis zur Gegenwart, ist in Tschechien Teil einer Identität, die über Generationen hinweg lebt und weitergegeben wird. Meine eigene Familiengeschichte ist eng mit diesem Erbe verknüpft. Mein Großvater war einer der ersten Rückkehrer aus dem Kreis der Exilprotestanten aus Zelów in Polen nach dem Ersten Weltkrieg. Seine Vorfahren mussten ihre Heimat nach dem Dreißigjährigen Krieg aus Glaubensgründen verlassen. Er kehrte zurück, studierte in Prag Theologie – so wie später mein Vater, ich selbst und nun auch meine Tochter, die ebenfalls an dieser Reise teilnahm. Ob man da schon von einer „Theologendynastie“ sprechen kann?

Diese persönliche Verbindung zeigte den Studierenden, dass Diaspora keine abstrakte soziologische Kategorie ist, sondern eine gelebte, generationenübergreifende Erfahrung. Die Geschichte der Reformation lehrt, dass Standhaftigkeit und Klarheit im Glauben nicht von der Gunst der Mehrheit abhängen.

Authentizität ist das Schlüsselwort

Einer der eindrücklichsten Momente der Reise war das Gespräch mit Synodalsenior Pavel Pokorný. Er war in den Jahren 2008 und 2009 mein Ausbildungspfarrer, und seine Sicht auf die Kirche hat mich tief geprägt. Pokorný räumte mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf: Wir müssen Gott nicht erst zu den Menschen bringen. „Gott ist schon da“, betonte er. Er ist bereits mitten unter uns, auch in den Begegnungen mit Menschen, die keinen Bezug zur Kirche oder zum Glauben haben.

Wie befreiend so eine Perspektive sein kann! Kirche muss nicht mühsam Räume schaffen, in denen Gott gegenwärtig ist; sie darf darauf vertrauen, dass er längst in der Welt am Werk ist und sich in Begegnungen und Beziehungen entdecken lässt. Authentizität ist hierbei das Schlüsselwort. Pokorný stellte klar, dass ein plakatives „Glaube ist klasse – kommt zu uns“ in einem säkularen Umfeld nicht funktioniert. Vielmehr geht es um Beziehungsarbeit und die Begleitung von Menschen in ihren Lebenswirklichkeiten. Die Kernkompetenz einer Pfarrperson liegt im Aufbau von Beziehungen, nicht in der Verwaltung von Strukturen oder Finanzen. Das Geld ist nicht unser Problem, sondern „Glaube, Hoffnung und Liebe“, so Pokorný.

Wie sieht dieses kirchliche Leben konkret aus? Die Studierenden sahen kreative Projekte in sozialen Medien, offene und flexible Gemeinderäume mit Café und kleine Gemeinden in Plattenbausiedlungen oder ehemaligen Arbeitervierteln, wo der Gottesdienst bewusst als Feier aller Generationen gestaltet wird und wo sich viele gerne ehrenamtlich engagieren.

Kirche und gesellschaftliche Verantwortung

Doch die Kirche in Tschechien übernimmt auch gesellschaftliche Verantwortung. Ein beeindruckendes Beispiel ist Benjamin Roll, ein junger Pfarrer, der die Bürgerbewegung „Eine Million Augenblicke für Demokratie“ mitinitiierte. Was als studentische Diskussionsgruppe begann, mündete in den größten Protesten seit der Samtenen Revolution 1989. Roll, der inzwischen nur noch als Pfarrer arbeitet, sieht heute seine Aufgabe darin, Hoffnung weiterzugeben und durch die Kirche die demokratische Kultur von unten zu stärken.

Auch aktuelle Krisen wie der Ukrainekrieg werden aus der spezifischen tschechischen Erfahrung von 1968 reflektiert. Die Erfahrung von Unfreiheit unter sowjetischem Einfluss prägt das Denken bis heute. Pavel Pokorný erklärte dazu eindrücklich, dass er Waffenlieferungen vielleicht nicht theologisch begründen könne, es aber mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könne, dass Menschen Opfer des russischen Imperialismus werden.

Austausch, der Mut macht

In der abschließenden Auswertung der Reise wurde deutlich, dass die Minderheitensituation der tschechischen Kirche für die Studierenden keine Entmutigung, sondern eine enorme Ermutigung war. Viele junge Theologiestudierende in Deutschland blicken mit Sorge auf sinkende Mitgliederzahlen. In Prag lernten sie: Hoffnung ist keine Frage der Größe.

Eine Teilnehmerin fasste es treffend zusammen: Während sie zu Hause manchmal die Motivation verliere, gebe ihr die Ausdauer und Zuversicht der tschechischen Partner, die trotz aller Schwierigkeiten weitermachen, unglaublich viel Kraft. Die tschechische Kirche lehrt uns, dass man auch mit wenig Sichtbarkeit eine klare Stimme haben kann.

Für mich schloss sich auf dieser Reise ein Kreis. Das GAW war in meiner Kindheit und Jugend hinter dem Eisernen Vorhang ein wichtiger Anker. Zu wissen, dass Menschen im Westen für uns beten und uns finanziell unterstützen – sei es für die Heizung oder das Kirchendach –, war eine unschätzbare Ermutigung. Für mich war immer klar: Wenn ich eines Tages die Möglichkeit habe, möchte ich das „zurückzahlen“.

Heute engagiere ich mich im GAW, um genau solche Begegnungen zu ermöglichen. Diaspora darf kein Wort für Verlassenheit sein. Wenn wir junge Menschen für diese weltweite Gemeinschaft begeistern, lernen sie nicht nur etwas über andere Kirchen, sie lernen auch etwas über die Essenz unseres eigenen Glaubens: Eine Hoffnung, die trägt, auch wenn wir klein sind. Denn am Ende ist es nicht unser Werk, sondern die Gewissheit: Gott ist immer schon da.

Geschrieben im März 2026 für das Magazin des Gustav-Adolf-Werks "Evangelisch weltweit" 
www.gustav-adolf-werk.de 

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