Prag für Fortgeschrittene
Ich bin in Prag aufgewachsen. Die Altstadt, der Blick von
der Burg, die Tausend kupferne Dächer, das Kopfsteinpflaster auf den Straßen
sind für mich Heimat. Ich bin in Prag keine Touristin. Normalerweise. Als ich jetzt
für drei Tage in Prag war, haben wir zum ersten mal in Žižkov gewohnt. Nicht
weit von der Metrostation Flora, die aber aktuell wegen Renovierung geschlossen
ist. Das war ein reiner Zufall. Wir hatten keine großen Pläne, die Außentemperaturen
waren um die 35°C und so kamen wir auf die Idee, ein Friedhof-Hopping zu machen
und Prag einmal abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten und Orte
kennenzulernen. Sozusagen „Prag für Fortgeschrittene“.
Vinohrady-Friedhof. Der drittgrößte Friedhof Prags wurde im Jahr 1885 gegründet und war zunächst
die Begräbnisstätte für die damals noch eigenständige Stadt Královské Vinohrady. Sie wirkt mit ihren breiten Alleen und der neogotischen Kapelle eher wie ein großzügiger Park. Hier finden sich Gräber von Personen, deren Namen fest zur tschechischen Identität gehören: der erste demokratisch gewählte Präsident der neueren Geschichte Václav Havel und seine Frau Olga, der „Marionettenpräsident“ des Protektorats Böhmen und Mähren Emil Hácha, der „rasende Reporter“ und jüdischer Schriftsteller Egon Erwin Kisch oder Eliška Junková, die erste tschechoslowakische Automobilrennfahrerin. Ihr Mann, Vincenc Junek, ebenso Rennfahrer, war der erste Fahrer, der 1928 auf dem Nürburgring starb.
Zum Friedhof Ďáblice im Norden von Prag mussten wir
40 Minuten mit der Straßenbahn fahren. Der zweitgrößter Friedhof Prags liegt im
Norden der Stadt. Er ist der einzige kubistische Friedhof der Welt. Der
Architekt Vlastislav Hofman entwarf ihn von 1912 bis 1914. Seine Handschrift
ist überall zu finden: An der Umfassungsmauer, dem Eingangstor mit zwei
Pavillons, an den Mülleimern am Wegesrand oder auch am Mobiliar. Wir haben
diesen Friedhof besucht, weil ich den Roman „U severní zdi“ (An der
Nordmauer) von Petra Klabouchová gelesen habe. Darin geht es, eingewoben in
eine Geschichte, um die ungesühnten Verbrechen des kommunistischen Regimes in
der Tschechoslowakei der 1950er Jahre, die vergessenen Opfer in den
Massengräbern und die dunklen Erinnerungen alter Menschen. An der Nordmauer
sind die Massengräber von Opfern des Kommunismus, die heimlich verscharrt
wurden. Auch tot geborene oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder wurde
hier „beerdigt“.
Zum Abschluss unserer Reise fuhren wir nach Vyšehrad.
Das ist der berühmteste und touristisch am besten erschlossene Friedhof. In der
Mitte der historischen Festungsanlage steht die Basilika St. Peter und Paul. Für
Gläubige und Menschen, die nur beten wollen, ist der Eintritt frei. Direkt
daneben liegt der nationale Ehrenfriedhof. Rund um die Gemeinschaftsgrabstätte
Slavín lasen wir Namen wie Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Alfons Mucha,
Božena Němcová und Jan Neruda. Hier befindet sich auch das symbolische Grab von
Milada Horáková, deren Überreste nach der Hinrichtung beseitigt wurden und bis
heute verschollen sind.
Direkt in unserer unmittelbaren Nähe waren gleich drei der über 80 Friedhöfe, die man in Prag finden kann. Man erkennt sie direkt daran, dass in der Nähe unzählige Blumengeschäfte sind.
Vinohrady-Friedhof. Der drittgrößte Friedhof Prags wurde im Jahr 1885 gegründet und war zunächst
die Begräbnisstätte für die damals noch eigenständige Stadt Královské Vinohrady. Sie wirkt mit ihren breiten Alleen und der neogotischen Kapelle eher wie ein großzügiger Park. Hier finden sich Gräber von Personen, deren Namen fest zur tschechischen Identität gehören: der erste demokratisch gewählte Präsident der neueren Geschichte Václav Havel und seine Frau Olga, der „Marionettenpräsident“ des Protektorats Böhmen und Mähren Emil Hácha, der „rasende Reporter“ und jüdischer Schriftsteller Egon Erwin Kisch oder Eliška Junková, die erste tschechoslowakische Automobilrennfahrerin. Ihr Mann, Vincenc Junek, ebenso Rennfahrer, war der erste Fahrer, der 1928 auf dem Nürburgring starb.
Olšany-Friedhof. Das etwa 50 Hektar große Areal besteht eigentlich aus zwölf einzelnen Friedhöfen, die im Laufe der Zeit zusammengewachsen sind. Ursprünglich als Pestfriedhof angelegt, ist es heute eine weite, grüne Landschaft und der größte Friedhof Prags. Zwischen efeubewachsenen Wegen fanden wir das Grab von Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen die sowjetische Besatzung selbst verbrannte. Unter Stasibewachung fand damals die Beerdigung statt, das Grab bekam eine bronzene Platte. Etwa 1,5 Jahren später wurde die Platte entfernt und eingeschmolzen. Im Oktober 1973 wurde auf Druck der STB (Statssicherheit) der Leichnam exhumiert und verbrannt. Die Urne wurde in seinem Geburtsort Vsetaty beigesetzt. Im Oktober 1990 kehrte die Urne auf diesen ursprünglichen Ort, die Platte wurde erneuert.
Der Neue Jüdische Friedhof. Gegründet im Jahr 1890. Das über 100.000 Quadratmeter große Gelände betritt man durch eine neorenaissance-Zeremonienhalle, die 1894 nach Entwürfen des Architekten Bedřich Münzberger vollendet wurde. Auch hier finden sich groß gewachsene, schattenspendende Bäume. Auf dem Weg sahen wir die Gräber bekannter Schriftsteller wie Ota Pavel, Arnošt Lustig und Jiří Orten sowie der Sängerin Yvonne Přenosilová. Am bekanntesten ist jedoch das Grab von Franz Kafka. Eindrücklich sind die vielen Gedenktafeln an der Südmauer, die an die Opfer der Shoah erinnern, welche kein eigenes Grab erhielten.
Malvazinky-Friedhof Eine ganz andere Stimmung war auf dem Friedhof in Prag Smichov, dem viertgrößten Friedhof Prags. Auch nicht ganz unkompliziert mit dem Bus zu erreichen. In dieser terrassenförmigen Anlage sind viele Gräber von Kulturschaffenden, dem Sänger Karel Gott oder Sängerin Eva Pilarová. Auch diverse, sehr auffällig gestaltete Gräber von Mitgliedern der Prager Sinti und Roma Community sind hier zu finden.
Es waren sehr interessante drei Tage in Prag. Ich kannte die
meisten Friedhöfe nicht. Bei dem Wetter war es die beste Möglichkeit unsere
Zeit in Prag zu verbringen.







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