Digitale Gemeinschaft

In letzter Zeit besuche ich sonntags ZOOM Gottesdienste bei Vanessa. Ich weiß immer noch nicht, wo Vanessa genau wohnt, aber sie macht berührende Gottesdienste. Wir kennen uns von einer Fortbildung und über Facebook. Ich bin gerne dabei. Sie predigt gut, hat wunderbare Musik am Start und es sind regelmäßig etwa 70 Menschen dabei. Ich schaue mir die kleinen Kacheln gerne an. Da sind junge und alte, auch richtig alte Menschen dabei. Auch kleine Kinder, Hunde und Katzen. Sie sitzen auf Stühlen und Sofas. Vanessa begrüßt beim Eintreten des digitalen Raums jeden und jede persönlich. Wir können  mitmachen und mitbeten. Ich fühle mich da wohl, obwohl ich niemanden kenne.

Heute, am Sonntag Okuli war ich das erste mal in meiner neuen Gemeinde. Also in der Gemeinde, in der ich seit Kurzem wohne. Ich war ganz analog da. Letzte Woche bekam ich einen Willkommensbrief für Neuzugezogene mit ein paar persönlichen Worten der Pfarrerin. Und ich muss sagen, ich habe mich richtig gefreut. „Ok, da gehöre ich jetzt hin“, dachte ich.

Natürlich bin ich zu spät aus dem Haus gegangen – hab vergessen, dass die Kirche nicht mehr neben meiner Wohnung liegt – musste also mit dem Auto fahren. Die Glocken haben gerade aufgehört zu läuten, als ich die Eingangstür betrat. Ich setzte mich in die letzte Reihe. Kurz zählte ich sie durch, die Hinterköpfe, die vor mir saßen – vierzig waren es, graue und blonde, mit langen Haaren und ohne. Ich kannte niemanden und ich sah keine Gesichter. 45 Minuten saß ich da, hörte der Musik und der Predigt zu (die mich übrigens sehr angesprochen hat), schaute die schönen Räume an und vieles ging mir durch den Kopf.

Zu gleicher Zeit feierte meine Mutter im Pflegeheim in Prag ihren digitalen Gottesdienst mit Abendmahl am Computer. Bevor ich aus dem Haus ging, schickte ich ihr per Mail den Link zum gestreamten Gottesdienst ihrer früheren Gemeinde. Per Videoanruf ging ich mit ihr die einzelnen Klicks durch, bis sich die richtige Seite öffnete. Das Orgelspiel erklang. „Danke dir, jetzt kann ich wieder dabei sein“, sagte sie zum Abschied. Und ich weiß, wieviel ihr das bedeutet, dabei sein zu dürfen.

In der württembergischen Landeskirche gibt es gerade eine Diskussion um das digitale Abendmahl. Ein Teil dieser Diskussion ist auch die Frage, ob eine Gemeinschaft im digitalen Raum möglich ist. Ich weiß nicht, ob es eine allgemein gültige Antwort auf diese Frage geben kann – ein entweder oder. Es handelt sich um ein sehr subjektives Erleben. Wo die einen Gemeinschaft erleben, fühlen sich die anderen fremd. Wo die einen sich unwohl fühlen, sind die anderen zu Hause.

Unter meinem Facebook-Post zu digitalen Gottesdiensten steht ein Kommentar: „Es ist (bei digitalen Gottesdiensten) keine Gemeinschaft entstanden wie beim gemeinsamen Singen, Beten, einfach Nebeneinandersitzen oder nach dem Godi miteinander zu schwätzen….Die Digitalisierung in der Kirche führt doch unweigerlich dazu, dass Präsenzangebote still und leise abgebaut werden, weil viel Geld- und Personalressourcen eingespart werden können.“

Solche Kommentare tun mir in der Seele weh. Ich zweifle an mir selbst. Ist es denn keine Gemeinschaft, die ich bei jenem ZOOM Gottesdienst erlebe? Und meine 80-jährige Mutter? Abgesehen davon, dass sie keine andere Wahl hat – erlebt sie keine Gemeinschaft im live Stream? Wer will das beurteilen?

Ich persönlich werde nach wie vor Gottesdienste besuchen – ganz analog. Ich möchte auch wieder auf der Kanzel stehen und predigen. Ich werde die Nähe, die Berührungen und das kohlenstoffliche Miteinander suchen und genießen. 

Aber manchmal – manchmal will ich bei Vanessa im Wohnzimmer oder bei Birgit in der Küche Gottesdienst oder mit Dietrich Abendmahl feiern. Von meinem Sofa aus. Digital.

Lasst uns bitte beides wertschätzend wahrnehmen und nebeneinanderstehen lassen. Es gehört doch zusammen. Lasst uns in protestantischer Freiheit jeden selbst entscheiden, was für ihn oder sie passend, praktikabel und wohltuend ist. Lasst uns mit der Zeit gehen, den Digitalisierungsschub nutzen, die Lebensrealität der Menschen ernstnehmen und unsere Angebote dementsprechend anpassen. Lasst uns ausprobieren, experimentieren, Neues entdecken, spielen und fröhlich unseren Glauben feiern. In Gemeinschaft – analog UND digital.

 

Kommentare

  1. Super Beitrag zur aktuellen Diskussion

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  2. Danke für den Beitrag, in vielem stimme ich überein. Aber Abendmahl auf dem Sofa? Gut ich bin diesbezüglich eher spartanisch, in meinem Jugendjahren ging ich nur zu den Festzeiten zum Abendmahl und auch heute gehört es für mich nicht zu jedem Sonntag, aber wer es in dieser Form feiern will, dem möchte ich es nicht verwehren.
    Na ja, ich merke bei mir, dass ich bei GD an Radio oder Fernseher nicht immer so bei der Sache bin, aber natürlich schweife ich auch manchmal beim GD in der Kirche ab. Aber ich denke für Leute, die keine andere Möglichkeit haben, ist es ein neues Format, warum nicht?
    Augenblicklich vermisse ich das gemeinsame Singen.

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