Kennen Sie diese Gedanken: „Wenn erst diese anstrengende Phase vorbei ist, die nächste Aufgabe erledigt, die nächsten Veränderungen durch sind, dann… dann wird es wieder anders. Dann sortiere ich die digitalen Fotos, räume den Dachboden auf, mache dies und das. Kennen Sie das? Manchmal leben und arbeiten wir wie in einem Dauer-Provisorium. Wir warten darauf, dass Dinge endlich fertig sind, stabil bleiben oder wieder werden wie früher. Und das betrifft nicht nur den Arbeitsalltag, sondern das Leben im Allgemeinen. 

 Aus meiner eigenen Familiengeschichte kenne ich diesen Satz, der über Generationen schwebte: „Wenn sich die Situation verändert, dann kehren wir zurück in die Heimat. Meine Vorfahren waren evangelische Flüchtlinge. Im 18. Jahrhundert mussten sie ihre Heimat in Böhmen verlassen, weil sie ihren Glauben dort nicht mehr frei leben konnten. Sie flohen nach Polen, in die Gegend des heutigen Łódź. Dort gründeten sie ein kleines böhmisches Dorf: Zelów. Sie lebten mit der Hoffnung, irgendwann wieder zurückkehren zu können. Über Generationen hinweg dachten sie: Wir bleiben nur vorübergehend. Eines Tages gehen wir wieder nach Hause, wenn es dort besser wir. Aber was macht man, wenn man nicht weiß, wie lange dieses Vorübergehend dauert? Man muss ja trotzdem leben. Also bauten sie Häuser und gründeten eine Kirchengemeinde, feierten Gottesdienste, gingen arbeiten, heirateten und bekamen Kinder. Sie richteten sich in ihrem neuen Leben ein. Und irgendwann war das Provisorium eben ihr Leben geworden. Erst mehr als hundert Jahre später, 1921, kehrte mein Großvater als Erster aus unserer Familie in die neu gegründete Tschechoslowakei zurück. Das war eine Art Heimkehr. Aber natürlich war es nicht mehr dieselbe Heimat, die seine Vorfahren verlassen und von der sie ihren Kindern erzählt hatten. Die Welt hatte sich verändert. Und auch er hat gemerkt: Heimat ist gar nicht immer der eine Ort, an den wir irgendwann zurückkehren wollen, sondern die Menschen, die mit auf dem Weg sind an dem Ort, an dem wir miteinander leben. Und der verändert sich. 

Lassen Sie uns gedanklich ins 6. Jahrhundert vor Christus springen. Die Menschen aus Jerusalem sind nach Babylon verschleppt worden. Sie haben ihre Heimat verloren. Der Tempel, das Zentrum ihres Glaubens, wurde zerstört. Sie leben unter fremden Menschen und müssen sich in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden. Neue Kultur, neue Sprache, neuer Glaube. Sie wollen nicht für immer bleiben. Sie sitzen auf gepackten Koffern und hoffen: Gott wird uns schon bald zurückbringen. Dann wird alles wieder so sein wie früher. Es gibt sogar Propheten, die ihnen genau das versprechen: Haltet nur noch ein paar Wochen durch, dann ist alles vorbei! 
Doch dann kommt ein Brief von Jeremia aus Jerusalem und drin steht: 
So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. (Jeremia, 29,1.4–7) 

Jeremia schreibt: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte!“ Mit anderen Worten: Hört auf, passiv auf eure Rückkehr zu warten. Fangt an zu leben. Richtet euch ein. Baut euch etwas auf. Wartet nicht darauf, dass irgendwann alles wieder so wird wie früher. Übernehmt Verantwortung – für euch, eure Familie und eure Stadt! Denn euer Leben findet nicht erst dann statt, wenn ihr wieder zu Hause seid. Euer Leben findet jetzt statt. Und ihr tragt dafür eine Verantwortung! Ich finde, das ist eine ziemlich herausfordernde Botschaft. Denn natürlich verstehen wir die Menschen, die einfach nur zurückwollen. Wer seine Heimat verloren hat, wer sich fremd fühlt oder wer gerade durch eine schwierige Zeit geht, der möchte doch am liebsten, dass alles möglichst bald wieder gut wird. Der Krieg in der Ukraine, die Zerstörung vieler Wohngebiete in Gaza, die schwere wirtschaftliche Krise in Venezuela, die Menschen dazu zwingt, ihre Heimat zu verlassen, oder die Dürre in Somalia, durch die Familien ihre Lebensgrundlage verlieren: All das sind Situationen, in denen Menschen hoffen, irgendwann wieder in Sicherheit leben und nach Hause zurückkehren zu können. Aber niemand weiß, wie lange das dauern wird. Und manchmal ist eine Rückkehr gar nicht mehr möglich. 

Was also tun bis zu diesem „Irgendwann?“ Das Leben lässt sich nicht einfach anhalten. Kinder werden größer, Menschen müssen ihren Alltag bewältigen, Arbeit finden und für ihre Familien sorgen. Sie müssen sich neu orientieren und versuchen, auch in der sich verändernden Umgebung und Gesellschaft, ein Leben und eine Zukunft zu gestalten. Durch Jeremia lässt Gott ausrichten: Fangt an zu leben. Baut Häuser, pflanzt Gärten. Kümmert euch um eure Familien. Seid aufmerksam, bleibt dran – gestaltet das Leben und die Veränderungen mit. Denn ich bin auch hier bei euch. Und dann geht Jeremia noch einen Schritt weiter und sagt: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn … denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ 
Die Menschen sollen nicht nur irgendwie überleben und darauf warten, dass ihre eigene Situation sich verbessert. Sie sollen sich auch um das kümmern, was um sie herum geschieht. Sie sollen Verantwortung übernehmen für die Menschen, mit denen sie zusammenleben. Ich denke - wie oft warten wir darauf, dass sich etwas verändert. Dass die politischen Verhältnisse besser werden, dass die Gesellschaft wieder mehr zusammenhält oder dass die Kirche wieder mehr Menschen erreicht. Dass das eine so bleibt, wie wir es kennen, und dass das andere endlich besser wird. Und dass wir uns nicht verändern und nicht bewegen müssen. Gott lässt auch uns durch Jeremia ausrichten: schaut hin. Überlegt, was ihr tun könnt, dass es auch für die zukünftige Generation gut ist. Und betet! Für die Kollegin, die gerade eine schwierige Zeit durchmacht. Für die Menschen in Verantwortung, die Entscheidungen treffen müssen. Für die Pflegekraft, die eine Nachtschicht nach der anderen schiebt. Für die Busfahrerin, den Verkäufer, den Bürgermeister (ja, auch für den!) und die Stadträtinnen. Natürlich können wir uns darüber ärgern, was alles nicht funktioniert, was sich alles verändert. Manchmal kommen wir gar nicht hinterher, so schnell passiert es. Wir können uns beschweren und trotzig darauf warten, dass andere etwas ändern oder sich ganz zurückziehen. Aber Jeremia sagt: Übernehmt selbst Verantwortung. Macht mit. Bringt euch ein. Und betet. Und das gilt auch für unser persönliches Leben. Wir müssen nicht warten bis irgendwann. Wir können schon heute anfangen, unser Leben, unsere Kirche, unsere Stadt mitzugestalten – für uns und für unsere Nachkommen. Wir tragen eine Verantwortung. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie es weitergeht. Denn Gott ist schon da. Hier, mitten in unserem Leben, mitten in den Veränderungen. Und er traut uns zu, dass wir solidarisch miteinander sind und gemeinsam an seinem Reich arbeiten. Darum müssen wir nicht warten, bis alles gut oder fertig ist, um etwas Gutes zu tun. Und wir müssen auch nicht erst selbst angekommen sein, um anderen ein Zuhause zu geben. Gott geht mit uns. Und er schenkt uns Zukunft und Hoffnung. Amen.

Predigt vom 25. Oktober 2026 in der Martinskirche in Tübingen

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